Bildquellen: Staatsarchiv Hamburg / Google Earth. ⓘ Weitere Hinweise und Erläuterungen zu Schadenskarte und Luftbildvergleichen.

Die nördliche Neustadt ist hier in einer Totale aufgenommen worden. Gut sichtbar sind die hier in den 1930ern noch weiträumig vorzufindenen Gängeviertel, meist in Fachwerkbauweise, die nahezu die gesamte Hamburger Innenstadt bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts prägten. Von an der Straßenfront liegenden Vorderhäusern gingen beidseitig bebaute Gänge rechtwinkling zur Straße in die Hinterhöfe, die innerhalb der einzelnen Blocks teils miteinander verbunden waren. Nicht zu verwechseln mit dem als Gängeviertel bezeichneten Stadtteilkulturzentrum am Valentinskamp, das mit den historischen Gängevierteln wenig zu tun hat und eine gründerzeitliche Bebauung ist.

Die extrem dichte Bebauung in den Gängevierteln sorgte durch fehlende Kanalisation und sanitäre Anlagen für erbärmliche Zustände für die dortigen Bewohner. Krankheiten und Keime fanden hier oft ein leichtes Spiel. Dazu waren die Gängeviertel aus Sicht der Obrigkeit ein kaum zu kontrollierender Unruheherd, der Aufständen und Kriminellen Unterschlupf und Rückzugsmöglichkeiten bot.

Die Gängeviertel der Alt- und Neustadt wurden daher in mehreren Phasen über Jahrzehnte weggerissen. Dies erfolgte in der Regel nicht sozialverträglich. Bei den Abrissen wurden die Bewohner meist schlicht rausgeschmissen, eine Entschädigung gab es fast nie. Sie mussten dann in den neu entstehenden gründerzeitlichen Quartieren neue Behausungen finden und waren den in der Regel privaten Immobilieninvestoren weitestgehend ausgeliefert. Was widerum dort zu massiver Überbelegung und schlechten sanitären Zuständen führte.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme des historischen Fotos etwa um 1930 herum waren weite Teile der ursprünglich auf dem mittelalterlichen Stadtgrundriss aufbauenenden und flächendeckend prägenden Gängeviertelbebauung in der Alt- und Neustadt bereits verschwunden. Größere zusammenhängende Bereiche gab es nur noch in der hier zu sehenden nördlichen Neustadt sowie in der südlichen Altstadt um den Nikolaifleet.

In der übrigen Alt- und Neustadt wurden die Gängeviertel in weiten Teilen bereits in den vorangegangenen Jahrzehnten überformt. Die erste städtebauliche Zäsur Hamburgs stellte dabei der Große Brand von 1842 dar. Die vom Brand betroffenen Gängeviertel wurden dadurch bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit damals zeitgemäßer Bebauung überplant und auch technisch durch die Kanalisation von William Lindley auf den neuesten Stand gebracht.

Den Auftakt für Entfernungen von Gängevierteln machte etwa zeitgleich zum Wiederaufbau der Brandgebiete die Beseitigung der Gängeviertel um die Wexstraße nordöstlich des Großneumarkts, die bereits gegen Mitte des 19. Jahrhunderts auf private Initiative der Gebrüder Wex stattfand. Noch heute erinnert daran die Wextraße sowie die Brüderstraße. Im Vergleich zu den noch kommenden Sanierungsgebieten war diese private Initiative aber verhältnismäßig kleinräumig.

Der erste großflächige Abriss von Gängevierteln erfolgte dann im Zuge des Baus der Speicherstadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf dem Wandrahm und dem Kehrwieder herrschte bis zum Bau der Speicherstadt eine dichte Wohnbebauung in Form von Gängevierteln vor. Mit Bau der Speicherstadt in den 1880er-Jahren wurden sie abgerissen, die Bewohner verdrängt.

In unmittelbarer Nähe zur Wexstraße mussten dann im weiteren Verlauf in den 1890ern im Zuge des Durchbruchs der Kaiser-Wilhelm-Straße von der Stadthausbrücke zum Johannes-Brahms-Platz (damals noch Holstentor/Holstenplatz) weitere Gängeviertel entlang des Straßenverlaufs weichen.

Größere, flächenhafte Stadtsanierungsprojekte nahmen dann wieder nach der Cholera-Epidemie 1892, die in den Gängevierteln ihren Ausgangspunkt nahm, an Fahrt auf. Die erste und letzte große Flächensanierung in der Neustadt betraf zu Beginn des 20. Jahrhunderts den südlichen Teil zwischen Hochbahntrasse, Hafentor, Schaarmarkt, Michaeliskirche und Herrengrabenfleet. Teile dieser Flächensanierung um die Dietmar-Koel-Straße sind bis heute als Portugiesenviertel erhalten.

Etwa zeitgleich begann in der Altstadt mit dem Durchbruch der Mönckebergstraße auch die Beseitigung der dortigen Gängeviertel. Die zwischen Mönckebergstraße und Oberhafen gelegenen Gängeviertel wurden dann im Zuge der Realisierung des Kontorhausviertels in den 1920er-Jahren abgerissen. Hierzu wird es auch noch einen Luftbildvergleich geben, der die Gegensätzer der alten Gängeviertel mit dem Kontorhausviertel deutlich zeigt.

Während der Nazizeit wurde dann noch der nördlich an die Wextraße angrenzende Bereich bis zur Kaiser-Wilhelm-Straße überplant. Diese Gebäude haben den Krieg überdauert, sind aufgrund ihrer späteren Entstehung aber hier auf dem historischen Foto noch nicht zu sehen. Sie tragen bis heute im Namen noch die Erinnerung an die einst dort vorhandenen Gängeviertel – Breitergang, Rademachergang und Kornträgergang.

Zusammen mit der gründerzeitlichen Bebauung um die Wexstraße und entlang des Holstenwalls sind sie in der nördlichen Neustadt nahezu die einzige Bebauung, die die Bomben des zweiten Weltkriegs überdauerten. Heute ist die Gegend kaum wiederzuerkennen. Orientierung bietet der Großneumarkt in der linken oberen Bildhälfte, die Kaiser-Wilhelm-Straße hoch zum Justizforum sowie unten etwa mittig das Stadthaus, welches kürzlich mit Turmbau renoviert wurde.

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